Der Kulturhof Hinter Musegg liegt gleich hinter der mittelalterlichen Luzerner Stadtmauer. Auf kleiner Fläche werden Tiere gehalten, die Biodiversität und der Lebensraum gepflegt und eigene Produkte angebaut, meist Obst von den eigenen Hochstammbäumen. Der Stall, in den sich im Winter Alpakas, schottische Hochlandrinder, Zwergziegen, Minipigs und Spitzhaubenhühner zurückziehen, wird im Sommer in eine Hofbeiz verwandelt. Mit dieser Hofbeiz, der eigenen Bierbrauerei sowie verschiedenen Kultur- und Bildungsangeboten werden die kulturellen und ökologischen Werte des Hofes einer grossen Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Steckbrief

Kontakt

Name:  Kulturhof Hinter Musegg
Link:  www.hinter-musegg.ch
Ort:  Luzern
Rechtsform:  Trägerschaft ist die Stiftung Kultur- und Lebensraum Musegg
Mitarbeitende: 3 Teilzeit-Betriebsleitende, zusätzlich 430 Stellenprozente in den Bereichen Landwirtschaft, Gastronomie, Bildung und Vermittlung, Kultur und Projekte sowie viele freiwillige Mitarbeitende
Grösse:  2,4 Hektar
Landwirtschaftszone: nein

Aktivitäten

Der Kulturhof ist sehr klein, und doch gibt es neben der Versorgung der Tiere viele weitere Aktivitäten:

  • Verarbeitung der eigenen Hofprodukte, meist Obst von den 52 Hochstammbäumen, zu vielen verschiedenen Köstlichkeiten. Diese werden in der Hofbeiz oder bei Kulturanlässen verkauft. Insgesamt ist der Anteil an eigenen Hofprodukten jedoch klein.
  • Hofbeiz mit eigenen Produkten und mit Produkten von innovativen Bio-Produzent/innen aus der Region, inklusive selbstgebrautem Bier. Die Beiz befindet sich vor allem draussen und wird nicht beheizt, die Infrastruktur wird in den Wintermonaten als Winterquartier für die Tiere benutzt.
  • Bildungs- und Erlebnisangebote für Kinder, Schulklassen und Erwachsene
  • Lehrpfad für die Wissensvermittlung
  • Sinnespfad für sinnliche Entdeckungen
  • Olympische Kulturhofspiele bieten einerseits einen spielerischen Wettkampf, anderseits stehen das Erlebnis und die Teamarbeit im Vordergrund.
  • Verschiedene Führungen
  • Kulturangebote wie Festivals, Theater, Konzerte, Lesungen etc.
  • Hofgastronomie mit ca. 100 Plätzen, ca. 150 Gruppenanlässe pro Jahr in der neu erstellten Heubühne

Gelebte Nachhaltigkeit und die Erhaltung der Biodiversität liegen den Betreibern des Kulturhofs sehr am Herzen. Der Hof wurde in den vergangenen Jahren in mehreren Schritten saniert. Der Umbau erfolgte auch mit der Perspektive, die Vision einer 2000-Watt-Gesellschaft umzusetzen.

Wer arbeitet mit?

Trägerschaft des Kulturhofs ist die Stiftung Kultur- und Lebensraum Musegg. Zum Stammteam des Kulturhofs gehören Pia und Walter Fassbind sowie Irene Wespi und Raphael Zingg. Sie leben und arbeiten auf dem Hof. Seit Juli 2020 leitet Pia Fassbind den Kulturhof zusammen mit Corinne Husmann und Michael Bühlmann. Pia Fassbind amtet gleichzeitig als Geschäftsführerin der Stiftung Kultur- und Lebensraum Musegg. Obwohl sie selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, hatte sie lange nichts direkt mit der Landwirtschaft zu tun. Nach verschiedensten Tätigkeiten ist sie durch pure Neugier im Rahmen eines Praktikums im Kleintheater Luzern gelandet, wo sie 15 Jahre lang blieb und auch die Co-Leitung übernahm. Parallel dazu pachtete sie im Jahr 2000 gemeinsam mit ihrem Mann Walter Fassbind den Kulturhof als Nebenerwerb von der Stadt Luzern. Seit 2014 ist Pia nicht mehr beim Kleintheater und widmet sich voll und ganz dem Kulturhof. Walter Fassbind ist zuständig für die landwirtschaftlichen Aspekte, Irene Wespi und Alina Trieblnig leiten die Bildungsangebote, Corinne Husmann und Michael Bühlmann den Bereich Gastronomie, Pia Fassbind und Irene Wespi sind für den Bereich Kultur und Projekte zuständig.
Im Stiftungsrat sind vier ehrenamtliche Stiftungsräte vertreten. Die Form der Stiftung wurde gewählt, weil sie gegenüber dem Publikum und Geldgebern glaubwürdig ist. Die Stiftung hat sich dem Erhalt des kulturellen Erbes, der natürlichen Umwelt und der heimischen Tierwelt an der Musegg verschrieben und betreibt den Kulturhof Musegg. Der Stiftungsrat trifft sich in regelmässigen Sitzungen. Operativ ist das Leitungsteam relativ frei, solange es sich an die Leitplanken der Stiftung hält und die Aktivitäten finanziell abgesichert sind.
Insgesamt bietet der Kulturhof 650 Stellenprozente in den Bereichen Landwirtschaft, Gastronomie, Bildung und Vermittlung, Kultur und Projekte. Auch sieben Jahre nach der Gründung der Stiftung wäre es aus finanzieller Sicht undenkbar, den Hof ohne freiwillige Helfende zu betreiben.

Geschichte und Zukunft

Der Betrieb existiert seit fast 400 Jahren und liegt direkt hinter der Stadtmauer. Es gab früher oft Besitzerwechsel, Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte das renommierte Hotel Schweizerhof den Hof und produzierte hier Gemüse, Früchte, Blumen und Fleisch für seine Gäste. Mit dem zweiten Weltkrieg brach jedoch der Tourismus ein und der Betrieb musste 1945 an die Stadt verkauft werden. 1965 entstand der Sportplatz an der Stadtmauer, die Betriebsfläche des Hofes wurde damit noch kleiner. Im Jahr 2000 wurde der Betrieb vom Ehepaar Fassbind als Nebenerwerbsbetrieb gepachtet und gleich auf Bio umgestellt. Mit 2,4 ha ist der Betrieb zu klein, um direktzahlungsberechtigt zu sein. Ab 2008 wurde offensichtlich, dass die Gebäude baufällig waren. Um das Gelände und den Betrieb langfristig zu erhalten, wurde 2013 die gemeinnützige Stiftung «Kultur- und Lebensraum Musegg» gegründet.

Die Stiftung verfolgt die Ziele:

  • den natürlichen Lebensraum und die heimische Tierwelt an der Museggmauer, der eigentlichen Stadtmauer, zu erhalten;
  • den Betrieb zu öffnen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen, um das allgemeine Verständnis für kulturelle und ökologische Werte in der Öffentlichkeit zu fördern;
  • ein Bildungs- und Vermittlungsangebot zu etablieren;
  • und die Infrastrukturen zu sanieren, um den Betrieb langfristig zu erhalten und attraktiver zu machen.

Über mehrere Jahre, mit mehreren längeren Pausen, erfolgten auf dem Kulturhof diverse Umbauten: die Kleintierstallungen sowie das Dach mit Fotovoltaik-Anlage, Hausumbau mit neu einer zweiten Betriebsleiterwohnung. Seit 2015 ist die Hofbeiz im Sommer in Betrieb, seit 2017 wird diese mit der Heubühne als überdachtes Gastro- und Kulturlokal ergänzt.

Finanzierung

Anfangs pachteten Pia und Walter Fassbind den Betrieb von der Stadt. Da dieser defizitär war, arbeiteten die Fassbinds auch 100% extern. Mit der Gründung der gemeinnützigen Stiftung wurde es möglich, im grösseren Stil auf Spendensuche zu gehen. Zudem brachte die Stadt Luzern bei der Gründung Stiftungskapital ein und ermöglichte der Stiftung für 60 Jahre das Baurecht auf dem Boden, der immer noch der Stadt gehört. Gebäude sowie Infrastrukturen gehören der Stiftung. Die Gesamtinvestition für die Umbauten beläuft sich auf CHF 3,5 Mio, fast die Hälfte davon stammt aus Spenden. Der Rest wurde über Darlehen und Hypotheken finanziert, was bis heute eine grosse finanzielle Last darstellt.
Die landwirtschaftliche Tätigkeit bringt ein jährliches Defizit von ca. CHF 40 000.–. Bis zur Stiftungsgründung lag das Defizit tiefer, da sich die Fassbinds ausschliesslich ehrenamtlich für den Hof engagierten. In der Zwischenzeit ist die Anzahl der Mitarbeitenden gestiegen und es müssen zusätzliche Löhne finanziert werden. Walter Fassbind arbeitet nach wie vor 80% bei der Stadt Zug im Umwelt- und Energiebereich. Da der Betrieb nicht direktzahlungsberechtig ist, sind die Gastronomie sowie die Raumvermietung die eigentliche Einnahmequelle, wobei derzeit noch ein zu grosser Teil der Einnahmen in Schuldzinsen und in die Amortisation der Hypotheken fliesst. Kulturanlässe wie das jährliche Festival bringen keinen Gewinn, daher sind auch Kulturbeiträge und Sponsoring enorm wichtig für den Kulturhof. Auch das Bildungsangebot wird durch Fundraising-Beiträge finanziert.

«Je mehr Schulden zurück bezahlt sind, umso einfacher wird es auch werden.»

Pia Fassbind, Co-Leiterin des Kulturhofs

Erfolge

Die Stiftungsgründung war ein sehr wichtiger Meilenstein und hat sicherlich auch zum Erfolg beigetragen. Als anfänglicher Geheimtipp wird der Kulturhof immer bekannter. Durch die Stadtnähe fehlt es nicht an einem bunten Publikum. Auch hilft die gute Vernetzung der Betriebsleitenden, gemeinsame Projekte voranzutreiben. Die Verbindung von Pia Fassbind zum Kleintheater Luzern ist bis heute sehr wichtig und bringt eine gute Vernetzung in der Luzerner Kulturszene. Die Mitglieder des Stiftungsrats ermöglichen einen engen Kontakt zur Stadtverwaltung sowie zu den Banken. Zum bisherigen Erfolg beigetragen hat auch die gute Zusammenarbeit im Team, um Belastungen auf mehreren Schultern zu verteilen. Aus heutiger Sicht lässt sich klar sagen: Die Projektidee ist aufgegangen!

«Mir ist wichtig, dass wir alle etwas für unseren Planeten leisten. Es macht mich sehr stolz, das hier zu leben und mit Herzblut weitergeben zu können.»

Pia Fassbind, Co-Leiterin des Kulturhofs

Herausforderungen

Der finanzielle Druck war und bleibt die grösste Herausforderung. Es sei schade, dass so kleine Betriebe nicht direktzahlungsberechtigt sind, merkt Pia Fassbind im Interview an. Immerhin vermitteln sie doch auch Werte sowie die Pflege von Landschaft und Biodiversität. Aber:

«Die Direktzahlungen wurden aufgrund der neuen Agrarpolitik im Jahr 2000 gestrichen. Seit der Stiftungsgründung sind Subventionen sowieso kein Thema mehr, weil Stiftungen keine Direktzahlungen erhalten. So spielt es auch keine Rolle mehr, dass das Land in der Grün-, Sport- und Freizeitzone liegt.»

Pia Fassbind, Co-Leiterin des Kulturhofs

Zugang zu Land

Obwohl sich der Kulturhof gleich ausserhalb der alten Stadtmauer befindet, hat sich der Stadtkern Luzern längst ausgebreitet. Die Museggmauer befindet sich heute mitten in der Stadt und Grünflächen sind rar geworden. Es war daher von Anfang an klar, dass die Fläche des Betriebs nur sehr begrenzt ist und es auch keine Möglichkeit gibt, diese zu vergrössern. Diese Situation spiegelt sich auch im Zweck der Stiftung wieder: Es geht darum, diesen noch existierenden Lebensraum für Mensch, Tiere und Pflanzen zu erhalten und auf dessen Wert in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen.

Bezug zur Stadt

Der Bezug des Kulturhofs zur Stadt Luzern ist eng: Die Nähe zu Stadt, Kultur und Gesellschaft ist sehr bereichernd und ermöglicht einem sehr breiten Publikum den Zugang zum Hof. Der Kulturhof ist Teil des Luzerner Kulturlebens, die Betriebsleitenden sind gut in der Stadt und insbesondere in der Kulturszene vernetzt. Die Hofprodukte werden über die Hofbeiz direkt vermarktet. Ausserdem ist die Stadt Luzern Besitzerin des Landes und auch im Stiftungsrat vertreten.
Die Nähe zur Stadt bringt allerdings auch Probleme wie Littering, Vandalismus und Hundekot auf den Wiesen mit sich.

Stärken

  • Eigenbestimmte Tätigkeit, die viel Energie und Freude bringt
  • Nähe zur Stadt, Treffunkt mit Hofbeiz und Heubühne als Innenlokal, kulturelles Angebot
  • Anliegen, Werte: gelebte Nachhaltigkeit, Bewirtschaftung der Landwirtschaft nach Bio-Richtlinien, Energiekonzept als Beitrag zur 2000 Watt-Gesellschaft mit Nutzung von Erdwärme, Solarstrom und eines umgebauten Oldtimers als E-Mobil und Solarstromspeicher

Die Fotos machten Micha Eicher und die AGRIDEA.