Essblatt – das sind biologische Microgreens, ganz in der Nähe der Stadt Bern produziert. Dahinter steckt die Einzelunternehmerin Barbara Schmid. Die Neueinsteigerin in die Landwirtschaft, die ursprünglich aus dem Sozialbereich kommt, hat das Unternehmen 2016 gegründet. Mit ihrem konsequent biologisch geführten und seit Anfang 2018 Knospe-zertifizierten Betrieb hat sie sich auf biologische Microgreens, spezielle Getreidegräser als Zutaten für Schorlen und Smoothies und ausgewählte alte Gemüsesorten spezialisiert. Sie beliefert Restaurants, Zwischen- und Detailhändler und ist mit ihren Produkten auf dem Markt präsent. Seit März 2020 sind ihre Produkte auch in ihrem Onlineshop erhältlich. Neben der Produktion, der Verarbeitung und der Direktvermarktung ihrer Produkte ist auch das Angebot von Tagesstrukturplätzen ein Standbein für den Betrieb.

Steckbrief

Kontakt

Name: Essblatt, biologische Microgreens
Link:  www.essblatt.ch
Ort:  Süri BE
Rechtsform:  Gemüsebaubetrieb, Einzelunternehmerin
Mitarbeitende:  1-Frau-Betrieb ohne Angestellte
Grösse:  1,7 Hektar
Landwirtschaftszone:  ja

Aktivitäten

Barbara Schmid hat sich mit biologischen Microgreens ein in der Schweiz noch neues Feld erschlossen. Auf ihrer Suche nach Alternativen zum meist industriell ausgerichteten Gemüsebau ist sie auf die jungen, feinen Gemüseblätter – zum Beispiel von Erbsen, Radieschen oder Sonnenblumen – gestossen, die sich v.a. in den USA bereits einiger Beliebtheit erfreuen. Ihre Microgreens und Blätter-Misch-Salate sind in der gehobenen Gastronomie sehr gefragt. Zum Angebot gehören auch verschiedene Getreidegräser, die sie entsaftet und aus denen sie unterschiedliche Schorlen und Smoothies herstellt. Ausserdem produziert Barbara Schmid eine breite Palette an Gemüsen, v.a. Raritäten und speziellen Sorten, wobei für sie hier der Grundsatz gilt, dass sie zwar nicht immer alles, dafür aber aus-schliesslich Eigenes im Angebot hat.
Die Direktvermarktung schätzt Barbara Schmid sehr. Sie bringt ihr den direkten Kontakt mit den Kundinnen und Kunden, die ihr, insbesondere auf dem Wochenmarkt, hilfreiches Feedback zu ihren Produkten geben. Zu ihren Tätigkeiten gehören auch die Auslieferung ihrer Produkte sowie die Verarbeitung von Produktionsüberschüssen: Ziel ist möglichst nichts wegzuwerfen. Die Verarbeitung macht etwa zehn Prozent ihres Arbeitspensums aus.
Mit den Tagesstrukturplätzen bietet Barbara Schmid ausserdem eine soziale Dienstleistung an, die ihr eine für sie sehr zufriedenstellende Kombination ermöglicht: selbstbestimmtes Gestalten in der Gärtnerei und die soziale Arbeit direkt mit Menschen.

«Als Sozialarbeitende hatte ich genug vom Dienstleistungssektor, auch weil sich dieser mit dem New Public Management in den letzten 10 bis 15 Jahren sehr verändert hat. Die Kombination aus Tagesstrukturplätzen und Gemüsebau ist sehr befriedigend für mich. Denn hier kann ich wirklich mit dem Menschen schaffen und es ist möglich ‘über etwas’ zu arbeiten. Das ist nicht der künstliche Rahmen, den man oft in der Sozialarbeit hat.»

Wer arbeitet mit?

Essblatt ist ein Ein-Frauen-Betrieb, der 2016 von Barbara Schmid gegründet wurde. Das bringt ihr einerseits viel Selbstbestimmung, andererseits aber auch eine hohe Arbeitsbelastung: In Spitzenzeiten liegt ihre Wochenarbeitszeit bei 72 Stunden, weshalb sie dann jeweils einen Praktikanten oder eine Praktikantin einstellt. Etwas ruhiger ist es im Winter, was ihr die Möglichkeit gibt, sich mit strategischen Fragen zu beschäftigen und über Veränderungen in ihrem Betrieb nachzudenken – etwa um die hohe Arbeitsbelastung zu senken.
Entlastung bringen fallweise Freunde, die teilweise am Wochenende mithelfen oder bei Arbeitsspitzen auf dem Wochenmarkt einspringen; ausserdem ihre Treuhänderin, die sich um die Buchhaltung kümmert und mit der sie auch strategische Fragen besprechen kann.

Geschichte und Zukunft

Barbara Schmid ist Neueinsteigerin in die Landwirtschaft. Nach einer längeren Reise entschloss sie sich zum beruflichen Umstieg und schloss 2015, mit 35 Jahren, die Lehre zur Gemüsegärtnerin EFZ ab. Ihre Lehre machte sie in einem Heim für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, was es ihr ermöglichte Ausbildung und Soziales miteinander zu verbinden. Ausserdem machte sie sich bereits in dieser Zeit auf die Suche nach Alternativen zum industriellen Weg im Gemüsebau und experimentierte mit Keimlingen aus Gemüsesamen. Ursprünglich nur auf der Suche nach einem passenden Gewächshaus, fand sie innerhalb von zwei Wochen einen Betrieb in der Nähe von Bern, den sie übernehmen und schliesslich auch kaufen konnte. Sofort nach der Übernahme ging sie in die Umstellung zu Bio. Seit Anfang 2018 ist der Betrieb nun Knospe-zertifiziert.

Finanzierung

Den Gärtnereibetrieb (ohne Wohngebäude) kaufen zu können, war ein Glücksfall für Barbara Schmid. Möglich war dies durch ein Darlehen einer Wohnbaugenossenschaft. Aufgrund ihres Alters erhielt Barbara Schmid keine Starthilfe für Junglandwirtinnen, ebenso wenig erhielt sie einen Investitionskredit.
Die Einnahmenstruktur ist divers und schwankt jahreszeitlich. Grundsätzlich bringt aber der Direktverkauf an Privatkunden die besten Margen bei stabilen Preisen. Im Sommer ist das Gemüse, im Winter sind die Microgreens die wichtigste Einnahmequelle. Der Anteil der Direktvermarktung war anfangs eher klein, machte aber im zweiten Betriebsjahr bereits den grössten Teil ihrer Einnahmen aus. Ausserdem bringen die Tagesstrukturplätze fallweise zusätzliche Einnahmen, wobei nicht immer eine Person in diesem Rahmen auf ihrem Betrieb tätig ist. Grundsätzlich ist der Betrieb anerkannt und wäre direktzahlungsberechtigt. Aber er verfügt über zu wenig offene Fläche (es fehlen 50 Aren).

«Die aktuelle Landwirtschaftspolitik fördert nur Grossbetriebe.»

Zu den wichtigsten Kostentreibern gehören die Ölheizung, die für den Anbau der Microgreens in den Gewächshäusern notwendig ist; ausserdem das Biosaatgut für Microgreens, das in der Schweiz nicht erhältlich ist. Sie braucht dafür Ausnahmebewilligungen für ausländisches Saatgut und auch die Zollformalitäten treiben die Kosten nach oben.
Die finanzielle Situation des Betriebes gehört nach wie vor zu den grossen Herausforderungen. Sich zu konsolidieren, finanziell ebenso wie was die Arbeitsbelastung betrifft, ist daher ein wichtiges Ziel, um über die Gründerjahre hinauszukommen und längerfristig bestehen zu können.

«Die Selbstständigkeit hat mich sehr gereizt. Es ist jeden Tag eine riesen Herausforderung, es ist auch eine grosse Belastung. Ich kann mich gut an die Zeiten erinnern, wie gut es war jeden Monat Geld auf dem Konto zu haben. Jetzt ist das ganz anders. Aber: Ich kann jeden Morgen aufstehen und kann selbst bestimmen, was ich mache. Die Selbstbestimmung, sich immer wieder neu erfinden, das ist sehr spannend.»

Erfolge

Als Neueinsteigerin, die innerhalb von zwei Wochen einen Betrieb gefunden hat, und diesen schliesslich auch kaufen konnte, ist Barbara Schmid sicherlich ein Ausnahmefall. Ihr Netzwerk und Hinweise auf ehemalige Gärtnereibetriebe im Umfeld von Bern, deren Besitzer sie konsequent kontaktierte, führten zum schnellen Erfolg.
Mit den biologischen Microgreens bietet Barbara Schmid ein neues, innovatives Produkt, das jedoch auch Stolpersteine und Herausforderungen mit sich bringt. So ist es aufgrund der Vorschriften für die Lebensmittelhygiene in der Schweiz nur möglich, Microgreens auf Substrat (gefilzte Hanfpads) an die Gastronomie zu verkaufen, das aber in der Schweiz für Bio bis 01.01.2019 nicht zugelassen war. Die – von ihr erkämpfte – Anpassung der Richtlinien von Bio Suisse Anfang 2019 war für Barbara Schmid daher ein wichtiger Erfolg. Auch die rasche, erfolgreiche Suche nach einer passenden Gärtnerei für die Produktion war ein grosses Glück für sie.

Herausforderungen

Mit dem Neueinstieg in die Landwirtschaft bzw. in den Gartenbau zeigten sich einige Herausforderungen: Der Kauf des Landes bringt eine hohe finanzielle Belastung, v.a. ohne die nur für Junglandwirte gewährte Starthilfe. Auch zu Investitionskrediten hatte Barbara Schmid keinen Zugang.
Die Vielfalt an angebotenen Produkten macht die Anbauplanung sehr komplex. Microgreens sind ausserdem ein sehr arbeitsaufwändiges Produkt, bei dem es gilt, laufend dran zu bleiben. Zudem ist das Angebot in der Schweiz neu, viele Dinge waren daher nicht absehbar und brachten zusätzlichen Aufwand, etwa Zollformalitäten oder die Notwendigkeit sich für die Anpassung von Richtlinien einzusetzen und Lösungen zu erkämpfen.

«Da bist du Pionierin. Das sind Bedingungen, die ich am Anfang von meiner Idee noch nicht abschätzen konnte, das konnte ich noch nicht überblicken. Das ist auch logisch. Am Anfang hat man vielleicht eine super Idee. Und dann stellt sich im Verlaufe des Prozesses heraus, dass es aufgrund von Richtlinien der Zertifizierungsstelle nicht geht. Dann musst du es wieder anders machen. Das sind so die Prozesse. Da musst du wieder einen Schritt zurück oder einen anderen Weg suchen.»

«Im Zusammenhang mit den Microgreens habe ich versucht etwas Neues in der Schweiz, im Biobereich, zu lancieren; etwas, das bisher nicht so bekannt war. Ich musste immer wieder erklären oder aufklären, was ich will. Das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen, in der ich Büroarbeit, Recherchearbeit, Vorreiterarbeit gemacht habe.»

Bezug zur Stadt

Ihr Bezug zur Stadt? Diese Frage ist für Barbara Schmid zuerst einmal schwer zu beantworten. Denn ihr Betrieb liegt sehr ländlich und seit sie selbst nach Süri gezogen ist, um näher bei ihrem Betrieb zu sein, ist es auch ihr Lebensstil. Anderseits wird im Interview rasch auch klar, wie stark ihr Bezug zur Stadt letztlich ist: Denn mit Ausnahme von zwei Restaurants in der näheren Umgebung, verkauft sie ihre Produkte an Restaurants, Detailhändler und Privatkunden und -kundinnen in der Stadt. Auf dem Markt erlebt sie das Interesse der Stadtbevölkerung und schätzt den direkten Austausch. Ausserdem ist sie mit unterschiedlichen städtischen Initiativen und mit Projekten der solidarischen Landwirtschaft im regen Austausch und macht bei Projekten wie der Kulinata in Bern mit. Inspirationsquelle waren für sie auch die von Neustart Schweiz propagierten Nachbarschaften, auch wenn sich der Aufbau einer Nachbarschaft, so ihre anfängliche Vision, bisher nicht realisieren liess.

Stärken

  • Differenzierung: spezielle, innovative Nischenprodukte von hoher Qualität
  • Finanzierung des Kaufs der Flächen und Betriebsgebäude über das Darlehen einer Stiftung
  • Neueinsteigerin in die Landwirtschaft: Kombination aus Gärtnerei und Sozialem aufgrund ihrer beruflichen Vorerfahrung

Alle Zitate stammen von Barbara Schmid. Die Fotos machte die AGRIDEA.