Entwicklung und Bedeutung der Agrarökologie
Das ist Agrarökologie
→ Entwicklung und Bedeutung der Agrarökologie
Agrarökologie ist ein Ansatz zur Gestaltung nachhaltiger Landwirtschafts- und Ernährungssysteme. Sie verbindet Erkenntnisse aus der Ökologie mit sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Perspektiven und betrachtet Landwirtschaft als Teil eines umfassenden Ernährungssystems.
Im Zentrum steht die Frage, wie landwirtschaftliche Systeme so gestaltet werden können, dass natürliche Ressourcen erhalten, ökologische Prozesse genutzt und gleichzeitig Ernährungssicherheit, wirtschaftliche Lebensfähigkeit und soziale Gerechtigkeit gefördert werden.
Agrarökologie umfasst deshalb mehr als einzelne landwirtschaftliche Massnahmen. Vielfältige Fruchtfolgen, Agroforstsysteme, Mischkulturen oder biologische Pflanzenschutzverfahren können Bestandteile agrarökologischer Systeme sein. Im agrarökologischen Verständnis steht weniger die einzelne Methode im Mittelpunkt als das Zusammenspiel verschiedener Elemente und welche Auswirkungen sie auf das gesamte Agrar- und Ernährungssystem haben.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) definiert den Begriff in ihrem Leitfaden (2018) wie folgt:
Agrarökologie ist ein integrierter Ansatz, der gleichzeitig ökologische und soziale Konzepte und Prinzipien auf die Gestaltung und das Management von Ernährungs- und Landwirtschaftssystemen anwendet. Sie zielt darauf ab, die Wechselwirkungen zwischen Pflanzen, Tieren, Menschen und der Umwelt zu optimieren und gleichzeitig die sozialen Aspekte zu berücksichtigen, die für ein nachhaltiges und gerechtes Ernährungssystem relevant sind.
FAO. (2018). The 10 Elements of Agroecology: Guiding the Transition to Sustainable Food and Agricultural Systems.
Diese Definition verdeutlicht den systemischen Charakter der Agrarökologie: Landwirtschaft wird nicht isoliert betrachtet, sondern als Zusammenspiel von ökologischen Prozessen, menschlichem Wissen, wirtschaftlichen Beziehungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Weitere Definitionen von anderen Organisationen sind im Agroecology Infopool von Biovision aufgelistet.
Agrarökologie aus drei Blickwinkeln
Die heutige Auffassung der Agrarökologie als Wissenschaft, Praxis und gesellschaftliche Bewegung geht wesentlich auf Wezel et al. (2009) zurück. Sie beschreibt Agrarökologie nicht nur als wissenschaftliche Disziplin, sondern auch als praktische Anwendung und als gesellschaftlichen Ansatz zur Gestaltung von Landwirtschafts- und Ernährungssystemen.
Diese drei Perspektiven ergänzen sich und bilden gemeinsam den heutigen ganzheitlichen Ansatz der Agrarökologie.
Agrarökologie als Wissenschaft
Als wissenschaftliche Disziplin untersucht Agrarökologie die Wechselwirkungen zwischen Pflanzen, Tieren, Menschen und ihrer Umwelt innerhalb von Agrarökosystemen.
Der Begriff entstand ursprünglich im Zusammenhang mit der Anwendung ökologischer Erkenntnisse auf landwirtschaftliche Systeme. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie natürliche Prozesse und Wechselwirkungen in der Landwirtschaft genutzt werden können.
Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der modernen wissenschaftlichen Agrarökologie leistete Miguel Altieri. In seinen Arbeiten seit den 1980er-Jahren entwickelte er den Ansatz weiter, landwirtschaftliche Systeme als Agrarökosysteme zu verstehen und ökologische Prinzipien wie Biodiversität, natürliche Kreisläufe und biologische Wechselwirkungen für die Gestaltung nachhaltiger Produktionssysteme zu nutzen.
Später wurde der Ansatz erweitert: Nicht mehr nur einzelne Produktionssysteme, sondern ganze Landwirtschafts- und Ernährungssysteme wurden betrachtet. Forschung zu Agrarökologie verbindet heute Erkenntnisse aus Ökologie, Agrarwissenschaften, Sozialwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften.
Agrarökologie als Praxis
Als Praxis beschreibt Agrarökologie die Anwendung ökologischer Prinzipien bei der Gestaltung und Bewirtschaftung von Landwirtschaftssystemen.
Agrarökologische Praktiken nutzen natürliche Prozesse und Wechselwirkungen innerhalb eines Systems. Beispiele sind:
- Förderung der biologischen Vielfalt,
- Aufbau und Erhalt der Bodengesundheit,
- Nutzung von Nährstoffkreisläufen,
- Kombination verschiedener Kulturen,
- Integration von Pflanzenbau und Tierhaltung,
- Reduktion der Abhängigkeit von externen Betriebsmitteln.
Dabei geht es nicht um eine festgelegte Liste von Massnahmen. Agrarökologische Ansätze werden an lokale Bedingungen angepasst und verbinden wissenschaftliches Wissen mit praktischem Erfahrungswissen von Landwirtinnen und Landwirten.
Agrarökologie als gesellschaftliche Bewegung
Agrarökologie umfasst auch Fragen darüber, wie Ernährungssysteme organisiert und gestaltet werden.
Seit den 1990er-Jahren wurde Agrarökologie zunehmend von bäuerlichen Organisationen und sozialen Bewegungen aufgegriffen. Eine wichtige Rolle spielt dabei La Via Campesina.
Die Bewegung verbindet Agrarökologie mit Konzepten wie Ernährungssouveränität, bäuerlichen Rechten, lokalem Wissen und der stärkeren Beteiligung von Produzentinnen und Produzenten an der Gestaltung von Ernährungssystemen.
Ein wichtiger Meilenstein war das Internationale Forum für Agrarökologie in Nyéléni (Mali) im Jahr 2015. In der dort verabschiedeten Nyéléni-Erklärung verständigten sich bäuerliche Organisationen, indigene Gemeinschaften und weitere zivilgesellschaftliche Akteure auf ein gemeinsames Verständnis von Agrarökologie als Grundlage für Ernährungssouveränität.
Aus dieser Perspektive ist Agrarökologie nicht nur eine Frage der landwirtschaftlichen Produktion, sondern auch eine Frage der sozialen Beziehungen, des Zugangs zu Ressourcen und der politischen Rahmenbedingungen.
Entwicklung der Agrarökologie
Die Entwicklung der Agrarökologie verlief über mehrere Jahrzehnte und wurde durch wissenschaftliche, praktische und gesellschaftliche Entwicklungen geprägt.
Von der Ökologie landwirtschaftlicher Systeme zur Agrarökologie
Der Begriff Agrarökologie entstand in den 1930er-Jahren und bezeichnete zunächst die Anwendung ökologischer Konzepte auf landwirtschaftliche Systeme. Der Fokus lag auf den Beziehungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt.
Ab den 1960er- und 1970er-Jahren gewann das Konzept des Agrarökosystems an Bedeutung. Gleichzeitig wurden die ökologischen Folgen einer zunehmend industrialisierten Landwirtschaft und der Grünen Revolution stärker diskutiert.
Entwicklung zur systemischen Betrachtung
Ab den 1980er-Jahren etablierte sich Agrarökologie zunehmend als eigenständiges Forschungsfeld. Der Fokus verlagerte sich von der Untersuchung einzelner Produktionsprozesse hin zur Gestaltung widerstandsfähiger Agrarökosysteme.
Seit den 1990er-Jahren und insbesondere ab den frühen 2000er-Jahren wurde der Ansatz schrittweise auf gesamte Ernährungssysteme ausgeweitet. Neben der landwirtschaftlichen Produktion rückten auch Verarbeitung, Vermarktung, Konsum sowie gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen stärker in den Mittelpunkt. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Entwicklung leisteten Francis et al. (2003), die Agrarökologie als „Ecology of Food Systems“ beschrieben.
Verbindung von Wissenschaft, Praxis und Bewegung
Seit den 1990er-Jahren entwickelte sich Agrarökologie zunehmend als Verbindung zwischen Forschung, landwirtschaftlicher Praxis und gesellschaftlichem Engagement.
Wissenschaftliche Ansätze, bäuerliche Erfahrungen und soziale Bewegungen beeinflussten sich gegenseitig. Diese Verbindung wurde später durch Wezel et al. (2009) als Zusammenspiel von Wissenschaft, Praxis und Bewegung beschrieben.
Agrarökologie heute
Heute wird Agrarökologie in vielen wissenschaftlichen Arbeiten und von internationalen Organisationen als integrativer Ansatz verstanden, der ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte von Landwirtschafts- und Ernährungssystemen miteinander verbindet und wissenschaftliches wie auch praktisches Wissen integriert.
Aktuelle Forschung betont, dass Agrarökologie kein einheitliches Produktionsmodell darstellt. Vielmehr handelt es sich um einen kontextabhängigen Transformationsansatz, der unterschiedliche Wege zu nachhaltigeren Ernährungssystemen ermöglicht.
Dabei werden verschiedene Ebenen berücksichtigt:
- landwirtschaftliche Betriebe,
- Landschaften,
- regionale Wertschöpfungssysteme,
- Ernährungssysteme und politische Rahmenbedingungen.
Mit der zunehmenden internationalen Bedeutung der Agrarökologie wurden verschiedene Rahmenwerke entwickelt, um den Ansatz zu beschreiben und einzuordnen:
Prinzipien & Stufen der Agrarökologie →
Hinweise, Ergänzungen, Anregungen und Kommentare nehmen wir gerne entgegen →