Neumarkter Lammsbräu
Dieses Portrait spiegelt die Situation im November 2025 wider.
Drei Schlüsselelemente des Projekts
- Regionalwert AGs sind Bürgeraktiengesellschaften, die regionale Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft über den gesamten Prozess vom Acker bis zum Teller stärken.
- Die beteiligten Bürgerinnen und Bürger gewähren eine gewisse Absatzsicherheit. Zudem ermöglicht ihr Finanzkapital eine grossflächige Investition und Entwicklung in Infrastruktur, Technik, Kommunikation, um das Ernährungssystem zukunftsfähiger zu gestalten.
- In Deutschland kommt das Kapital hauptsächlich von den Konsumierenden. In der Schweiz soll ein grosser Teil von Versicherungsgesellschaften kommen, die Interesse zeigen für solche sicheren Finanzanlagen.
Steckbrief
Name
Neumarkter Lammsbräu
Ort
Neumarkt in der Oberpfalz, Bayern, Deutschland
Rechtsform
Kommanditgesellschaft (KG)

Wertschöpfungskette/Produkte
Herstellung und Vermarktung von ökologischen Getränken: Bio-Bier (verschiedene Sorten inkl. alkoholfrei und glutenfrei), Bio-Limonaden (unter der Marke “now”), Bio-Mineralwasser („BioKristall“) – mit Rohstoffen aus ökologischem Landbau und regionaler Erzeugergemeinschaft.
Produzent/-innen
Jahrzehnte lange, enge Kooperation mit Bio-Landwirten der Erzeugergemeinschaft für ökologische Braurohstoffe (EZÖB) (Erzeugung von Braugetreide und Hopfen) über faire, 5-jährige Rahmenverträge.
Mitarbeitende
Ca. 145 Mitarbeitende (Stand Nov. 2025)
Webseite
Entstehung
Die Entwicklung der Gemeinwohlprämie geht auf die langjährige Tradition der Brauerei zurück, in der die enge Zusammenarbeit und intensive Beziehung zu den zuliefernden Landwirtschaftsbetrieben von zentraler Bedeutung ist. Der Modus der Gemeinwohlprämie wurde gemeinsam mit der EZÖB und Regionalwert Leistungen GmbH entwickelt. Eine Pilotphase mit interessierten Betrieben erfolgte ab 2021. Als Teil des Rahmenvertrags zwischen der Brauerei und der EZÖB wurde das Prämiensystem für die Periode 2025 bis 2029 erstmals verpflichtend für alle Mitglieder eingeführt, nach dem Motto « Gleiche Regeln für Alle ». Lediglich ca. 3% der Betriebe sind ausgestiegen.
Geschäftsmodell
Neumarkter Lammsbräu ist ein Familienunternehmen, das sich als Bio-Pionier durch Liebe zu Produkt und Natur in einem wertschätzenden Miteinander konsequent für die Verbindung von höchstem Genuss, ökologischem Landbau und enkeltauglichem Leben einsetzt. Zusammen mit ihren rund 145 Mitarbeitenden stellen sie 22 Sorten Bio-Bier, zwei glutenfreie Spezialitäten, 13 Sorten Bio-Limonade sowie Bio-Mineralwasser und eine Bio-Schorle her. Aus ökologischen Gründen verkaufen sie fast ausschliesslich innerhalb von Deutschland, nur etwa 3 Prozent werden in ausgewählte europäische Länder exportiert. Beim Bio-Bier sind sie Marktführer in Deutschland, bei den Bio-Limonaden zweitgrösster Hersteller im Naturkostmarkt.
Die Neumarkter Lammsbräu bezieht die Rohstoffe für ihre Biere allergrösstenteils über die Erzeugergemeinschaft für Ökologische Braurohstoffe (EZÖB), einem Zusammenschluss von ca. 170 Landwirtschaftsbetrieben in Umgebung der Neumarkter Lammsbräu. Basis sind Rahmenverträgen von fünf Jahren. Diese definieren unteranderem die Abnahmepreise der Braugetreide, Verpflichtung zu ökologischen Anbaumethoden, die Bereitschaft zur Teilnahme am Bewertungs- und Evaluierungsprozess. Zwischen der Brauerei und den Produktionsbetrieben werden beruhend auf diesem Rahmenvertrag individuelle Lieferverträge vereinbart.
Die Regionalwert-Leistungsrechnung ist Teil des neuen Rahmenvertrags zwischen der Neumarkter Lammsbräu und der EZÖB. Dabei erhält jede/-r der Landwirte und Landwirtinnen eine solidarische, individuelle Prämie auf Basis des spezifischen Nachhaltigkeits-Grads des Betriebs. Ziel ist es, den Mehrwert von Bio und der Gemeinwohl-Leistung sichtbarer zu machen und zu entlohnen. Die Berechnung beruht auf einem Online-Fragebogen, der von der Regionalwert Leistungen GmbH zusammen mit Partnern aus Forschung und Praxis entwickelt wurde. Über die abgefragten Kennzahlen kann bewertet werden, was ein landwirtschaftlicher Betrieb für die Gesellschaft, Umwelt, Artenschutz und Klimaschutz ect. leistet. Dadurch kann diesen Leistungen ein monetärer Wert und der sogenannte Nachhaltigkeitsgrad (ein Prozentsatz) zugeschrieben werden. Die Bewertung ist neutral, wissenschaftlich und glaubwürdig. Damit ist eine fundierte Basis vorhanden, um die Mehrleistungen der Landwirt/-innen zu errechnen, an die Konsumierenden zu kommunizieren und zu entlohnen. Landwirtinnen und Landwirte erhalten eine höhere oder niedrigere Prämie, je nachdem, wie weit sie vom Durchschnitt der Gruppe abweichen. Die Prämie steigt überproportional mit steigendem Nachhaltigkeitsgrad. 1 % des Jahresumsatzes der Neumarkter Lammsbräu wird zur Zahlung der Gemeinwohlprämie verwendet. Die Entwicklung des Prämiensystems fand in Zusammenarbeit zwischen Brauerei und Vorstandschaft der Erzeugergemeinschaft statt. Zudem wurde das Online-Tool der Regionalwert Leistungsrechnung ausgebaut zum «EZÖB-Portals», einer funktionalen Online-Plattform für EZÖB-Prozesse, wo die gesamten administrativen Angelegenheiten effizienter, transparenter und übersichtlicher geregelt werden.
Die Kontrolle der Richtigkeit der Daten erfolgt über eine automatisierte Plausibilitätsprüfung innerhalb des Berechnungstools und durch Stichprobenartige Vor-Ort-Kontrollen bei den Betrieben durch die Brauerei oder von ihr beauftragte Dienstleister. Im Falle falscher Angaben des Mitglieds in Folge von grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz, können durch die Brauerei Sanktionen, bis hin zum Ausschluss aus der Erzeugergemeinschaft beschossen werden.
Weitere Infos zum Regionalwert-Leistungsrechner.
Stand der Dinge
Situation im Juni 2025
Für die Ernte vom 2025 wurde den Landwirtschaftsbetrieben erstmals der individuelle Nachhaltigkeitsbonus ausbezahlt. Im Jahr 2025 wurden insgesamt 317’000 € ausbezahlt. Das entspricht durchschnittlich pro Betrieb: 2500 € mit einer Spanne zwischen 400 € und 4000 € pro Betrieb. Der administrative Aufwand für die Einführung des Systems und die Betreuung der Mitglieder war herausfordernd hoch.
Zusammenarbeit
Enge Kooperation zwischen Neumarkter Lammsbräu, EZÖB und Regionalwert Leistungen GmbH.
Aktuelle Bedürfnisse
Faire und transparente Entgeltung der Nachhaltigkeitsleistung der zuliefernden Landwirtschaftsbetriebe. Sicherstellung der hohen Qualität der Wasserquelle auf dem Brauereigelände, als Grundlage der Brauereierzeugnisse, durch Förderung der ökologischen Landwirtschaft in der Region. Zuverlässige und effiziente Datenerhebung, digitale Prozessunterstützung, Akzeptanz bei Betrieben und im Konsum.
Zukünftige Ziele
Langfristige Sicherung der Produktion durch faire Erzeugerpreise und transparente Honorierung von Nachhaltigkeitsleistungen der landwirtschaftlichen Betriebe. Gewöhnung der Prozesse. Erfolgreiche Kommunikation der Nachhaltigkeitsleistung in der Produktion gegenüber dem Konsum.
Prinzipien der Agrarökologie
Von den 13 HLPE-Prinzipien sind folgende bei Neumarkter Lammsbräu hervorzuheben:
Prinzip 2 – Inputreduktion
Durch den starken Fokus auf und die Förderung vom ökologischen Landbau durch das Bonussystem wird die Abhängigkeit von zugekauften Produktionsmitteln reduziert bzw. eliminiert und die Eigenständigkeit erhöht.
Prinzip 5 – Biodiversität
Die Artenvielfalt auf dem Feld, dem Betrieb und in der Landschaft wird kurz- als auch langfristig erhalten und gefördert. Dies umfasst die biologische, genetische und funktionale Vielfalt von Agrarökosystemen.
Prinzip 7 – Wirtschaftliche Diversifizierung
Durch die langjährigen Abnahmeverträge und gemeinsame Preisgestaltung zwischen der Neumarkter Lammsbräu und der EZÖB wird Planungssicherheit ermöglicht. Das fördert die Fortführung diverser Betriebe und wirkt dem Höfesterben entgegen. Dadurch ist die Produktion auf mehr Personen abgestützt und dadurch resilienter.
Prinzip 11 – Konnektivität
Die Vernetzung und das Vertrauen zwischen Produzent/-innen und Konsument/-innen wird durch die Neumarkter Lammsbräu seit jeher mit direkter Kommunikation gestärkt und durch das Bonussystem zusätzlich gefördert. Produzent/-innen haben sich insbesondere auch durch die EZÖB aktiv am Projektentwicklungsprozess beteiligt und sind so mit dem System verbunden.
Analyse
Herausforderungen
- Hoher Initialaufwand in der Projektentwicklung als Pionier
- Kommunikativer und administrativer Aufwand mit den Produzierenden
- Erfolgreiche Kommunikation gegenüber den Konsumierenden, um die Motivation und Bedeutung des Projekts zu vermitteln
Erfolgsfaktoren
- Hoher Wertschöpfungsgrad in der Produkteveredelung und direkter Absatz in den Detailhandel
- Langjährige Tradition der starken Kooperation mit und Nähe zu den Landwirtschaftsbetrieben ist wertvolle Basis für das erfolgreiche Projektergebnis.
- Bekanntheit und Akzeptanz bei den Konsumierenden, dass sich die Neumarkter Lammsbräu seit langem für ihre Landwirt:innen einsetzt und die Nachhaltigkeit fördert.
- Grösse des Unternehmens und entsprechend verfügbare Ressourcen für dieses intrinsisch motivierte Projekt
- Gute Zusammenarbeit mit der Regionalwert Leistung GmbH
- Kombination der Einführung des Nachhaltigkeitsbonus mit der Entwicklung des unterstützenden «EZÖB-Portals»
Hindernisse
- –
Unterstützung
- Regionalwert Leistung GmbH
- EZÖB
Stärken
- Langfristige Planungssicherheit für Produzierende durch zuverlässige Preisvereinbarungen.
- Mehr Landwirte zur Umstellung auf Bio ermutigen, indem konkrete finanzielle Anreize geboten werden.
- Nachhaltigkeit nachvollziehbar messen: Die Regionalwert-Leistungsrechnung berechnet und kategorisiert den finanziellen Wert der sozialen, ökologischen und regionalen Beiträge der Landwirtinnen und Landwirte.
- Nachhaltigkeit kommunizieren: Jeder Beitrag erhält eine Art „virtuelles Preisschild“, das den Landwirten hilft, mit soliden Daten für faire Bedingungen zu werben.
- Nachhaltigkeit belohnen: Verarbeitern und Händlern wird gezeigt, wie eine nachhaltigkeitsbasierte Vergütung funktionieren kann; politisch wird ein Regionalwert-Bonus vorangetrieben.
- Erhöhte Transparenz.
- Individuelle Prämie beruhend auf Nachhaltigkeitsgrad unabhängig von Betriebsgrösse und Ertrag
- Beteiligung von vielen Landwirtschaftsbetrieben (ca. 130 von 170 im EZÖB, da nicht alle jährlich Braugetreide anbauen).
Schwächen
- Hoher Implementierungsaufwand.
- Fehlende Vorbilder.
- Die finanzielle Nachhaltigkeit hängt vom Engagement des Unternehmens ab. Derzeit wird 1 % des Umsatzes auf alle Landwirtschaftsbetriebe verteilt. Wenn sich die Anzahl der teilnehmenden Landwirtschaftsbetriebe ändert, ändert sich auch die Höhe des Bonus, sodass möglicherweise Anpassungen im Rahmen erforderlich sind, um Inkonsistenzen zu vermeiden.
- Erfordert zuverlässige Betriebsdaten und die Bereitschaft zur Teilnahme.
- Hoher Aufwand in der Einrichtungs- und Bewertungsphase.
- Einige Aspekte sind für grosse Betriebe leichter zu erfüllen, beispielsweise soziale Kriterien in Bezug auf die Arbeitskräfte.
Chancen
- Übertragbarkeit auf weitere Wertschöpfungsketten.
- Vorreiterrolle in fairer Vergütung.
- Politische Signalwirkung.
Risiken
- Schwankende Finanzierungsbasis.
- Mögliche Überforderung kleiner Betriebe, die tendenziell doch abhängiger sind vom Absatzkanal über die Neumarkter Lammsbräu.
- Der Faktor Mensch ist in der Einführung des Systems ein zentraler Faktor – sowohl auf Seite der Brauerei in der Koordination als auch in der Bereitschaft der Landwirtschaftsbetriebe.
Tipps
- Frühzeitige Einbindung der Landwirtschaftsbetriebe und Produktionsgemeinschaften.
- Klare Kommunikation des Nutzens.
- Technische Unterstützung möglichst einfach bereitstellen und administrative Unterstützung bieten im ersten Jahr.
- In der Kommunikation gegenüber Konsumierenden: Marketingfokus auf dem Produkt liegt auf «faire Erzeugerpreise». Die komplexeren Projektzusammenhänge werden in Zeitschriften und auf der Webseite erläutert.
- Voraussichtlich auch möglich bei weiteren Veredelungsbetrieben mit grosser Nähe zu Produktion und direktem Absatz wie Molkerei oder Mosterei.
Impressum
Titelbild: Neumarkter Lammsbräu
Icons Prinzipien der Agrarökologie: Agroecology Infopool 2025, Biovision
Fachliche Mitarbeit:
- Orlando Scholz, AGRIDEA
Weiterführende Links:



